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Du bist hier: Home » Lovestories » Schatten in der Nacht


Francis Clifford´s "Schatten in der Nacht"

Eine eisige Kälte umgab mich, als ich mich auf den Weg zum Bahnhof machte.
Es hatte am Nachmittag längere Zeit geschneit und nun bedeckte eine leichte Schneedecke den Weg. Es war schon lange dunkel geworden, dennoch konnte ich keine Sterne am Himmel erkennen. Nur der Mond zeichnete sich als heller Fleck hinter den Wolken ab. Aber sein Licht reichte nicht, um den Weg ausreichend zu erhellen, so daß ich meine Taschenlampe benutzen mußte. Das Licht der Lampe erhellte meinen Weg nur etwas. Ich konnte daher nur langsam gehen und dem Weg folgen, den man mir beschrieben hatte.
Ich dachte darüber nach, wie lange ich wohl schon unterwegs gewesen bin. Es war kurz vor dreiundzwanzig Uhr in dieser kalten Winternacht, wie mir ein Blick auf meine Armbanduhr versicherte. Es konnte kein weiter Weg mehr bis zum Bahnhof sein, da war ich mir sicher.
Ich sah mich etwas um, während ich langsam dem Weg folgte.

In der Ferne stand eine alte Burgruine, die kaum deutlich zu sehen war, dennoch war sie schemenhaft in der Dunkelheit zu erkennen. Man hatte mir gesagt, ich solle einfach dem Weg folgen. Nach einer halben Stunde sollte ich dann endlich am Bahnhof ankommen. Das hatte man mir gesagt, aber ich glaubte nicht so recht daran. Ich wußte nicht, warum, aber ich hatte ein seltsames Gefühl, als ich den Weg in der Dunkelheit fortsetzte. Irgendein seltsames Gefühl, das ich mir nicht so recht erklären konnte.

Der Weg führte an einem Feld entlang und war nicht beleuchtet. Immer wieder warf meine Taschenlampe seltsame Schatten auf den Weg und auf das Feld, wenn ich sie mit meiner Lampe beleuchtete. Ich war vor etwa zehn Minuten losgegangen und hatte so noch einen etwa zwanzigminütigen Weg zurückzulegen.
Ich konnte selbst nicht so richtig verstehen, warum ich mich so leicht davon habe überzeugen lassen, daß der Weg zu Fuß viel einfacher wäre, als in dieser ländlichen Gegend auf ein Taxi zu warten, aber ich hatte es nun einmal auf mich genommen und so mußte ich den Weg also alleine gehen.
Plötzlich hörte ich ein Geräusch. Es schien seinen Ursprung im Feld zu haben. Es klang so, als ob jemand mir entgegen kommen würde. Das Geräusch wurde lauter. Es war ein Knacken von Ästen. Jemand kam auf mich zu. Erschrocken leuchtete ich mit meiner Taschenlampe in die Richtung, aus der das Geräusch zu kommen schien. Aber ich konnte nichts besonderes erkennen. Ich sah nur das Feld und den Wald in einiger Entfernung. Der Boden auf dem Feld war gefroren und ich konnte auch keine Äste oder etwas ähnliches erkennen, was diese seltsamen Geräusche, die ich noch immer hörte, erklären könnte. Die Geräusche wurden immer lauter. Dennoch konnte ich nichts erkennen, so sehr ich mich auch bemühte. Ich spürte etwas kaltes an meiner Stirn und leuchtete erschrocken in diese Richtung.
Es war der Schnee, der erneut seinen Weg aus den Wolken in Richtung Boden gefunden hatte. Ich lachte über mich selbst, daß ich mich deshalb so sehr erschrocken hatte. Es lag wohl an der Dunkelheit, redete ich mir ein. Dunkelheit an sich erzeugt alleine schon ein schauriges Gefühl.
Die Geräusche waren verstummt. Ich konnte nichts mehr davon hören, so sehr ich es auch versuchte. Ich schrieb die Geräusche ebenfalls der Dunkelheit zu und dachte schließlich, ich hätte sie mir nur eingebildet. Der Schnee wurde immer stärker und ich war ihm schutzlos ausgeliefert. Ich wickelte meinen Schal so gut wie möglich um meinen Hals. Der Schnee entwickelte sich zu einem kleinen Schneesturm und ich wußte, daß ich nicht mehr den ganzen Weg zu Fuß gehen könnte, solange das Wetter das nicht zuließ.
Der Wald schien meine letzte Rettung vor dem Schnee zu sein. Ich leuchtete in die Richtung, in der ich den Wald vermutete, konnte aber nichts erkennen, da der Schnee schon zu dicht geworden war. Meine einzige Möglichkeit sah ich darin, einfach in Richtung des Waldes zu laufen und zu hoffen, daß ich mich nicht geirrt hatte. Ich war schon ziemlich weiß vom Schnee geworden und spürte die Kälte, die an meinen Beinen emporstieg.
Ich lief durch den Schneesturm über das hart gefrorene Feld und spürte es unter meinen Füßen. Ich hielt meine Taschenlampe dabei so, daß sie den Weg vor mir so gut wie möglich ausleuchtete. Doch ich konnte fast nichts erkennen. Ich lief weiter und kümmerte mich nicht um das Wetter um mich herum.
Schließlich war ich am Wald angekommen, zumindest dachte ich das. Meine Taschenlampe bestätigte, daß ich mich nicht geirrt hatte. Doch auch dort war ich nicht vollständig vor dem Schneesturm geschützt und suchte eine Stelle, an der ich mich unterstellen konnte. Ich sah einen Weg, der tiefer in den Wald hineinführte und folgte ihm. Ungeachtet der Tatsache, daß ich mich im Wald wahrscheinlich verlaufen würde, lief ich den Weg entlang.
Ein Haus. Ein kleines Haus lag inmitten des Waldes versteckt. Es schien unbewohnt zu sein, denn ich konnte kein Licht erkennen oder irgendein Anzeichen, daß das Haus bewohnt war.
Ich ging auf die Tür zu und leuchtete mit meiner Taschenlampe durch das kleine Fenster neben der Tür. Ich konnte nicht viel erkennen und ging noch näher an das Fenster heran. Es war nur angelehnt und nicht abgeschlossen. Ein Gedanke schoß mir durch den Kopf. Sollte ich einsteigen? Wenn nun doch jemand in dem Haus wohnte? Aber dafür sah es mir zu verlassen aus und es war schließlich meine einzige Möglichkeit, dem Unwetter zu entkommen. Vielleicht war dort sogar ein Telefon, dachte ich. Aber dann verwarf ich diese Möglichkeit, denn wenn das Haus wirklich so verlassen war wie es von außen aussah, dann würde dort wohl auch kein Telefon sein.

Der Schneesturm wurde immer schlimmer und ich sah keine andere Möglichkeit und stieg durch das Fenster in die Wohnung. Ich leuchtete mit der Taschenlampe in den Raum und sah, daß er so aussah, als ob erst vor wenigen Minuten jemand dort gewesen wäre. Kein Staub, und etwas Wärme, die aus dem Kamin deutlich spürbar den Raum erwärmte. Ich wußte nicht, ob ich nicht doch wieder gehen sollte.
Ein lautes Geräusch riß mich aus meinen Überlegungen. Das Fenster war zugefallen, nun hatte sich das also auch erledigt, dachte ich und schaltete die Taschenlampe wieder ein. Ihr Strahl bewegte sich über die Wände und den Boden bis hin zur Zimmertür. Als ich am Kamin vorbeiging, spürte ich die Wärme, die von ihm ausging und ich hatte ein unwohles Gefühl im Magen. Ich war nicht alleine in diesem Haus.
Ich verließ den Raum, der wohl das Wohnzimmer zu sein schien, durch die Zimmertür und stand dann in einem Gang, von dem mehrere Türen erreichbar waren. Einige Meter vor mir war die Haustür zu erkennen. Zumindest sah die Tür so aus, als ob es die Haustür wäre. Sie bestand zu einem großen Teil aus Glas, das kunstvoll in die Tür eingearbeitet war.
Licht. Ein Lichtkegel wanderte von außen über die Haustür. Aber es sah so aus, als ob es noch etwas weiter entfernt wäre. Das Licht bewegte sich auf die Tür zu. Es kam immer näher. Ich wußte nicht, was ich tun sollte. Sollte ich mich verstecken? Sollte ich die Tür öffnen? Sollte ich wieder in das Wohnzimmer gehen und schnell durch das Fenster verschwinden? Das Licht kam immer näher.

Ich hatte mich entschieden, die Tür zu öffnen und einfach loszulaufen. Ich riß die Tür auf, die zu meinem Erstaunen noch nicht einmal verschlossen war und rannte los. Zumindest wollte ich das.
Als ich die Tür geöffnet hatte, blieb ich wie angewurzelt stehen. Ich sah sie.
Der Wind wirbelte Ihre langen blonden Haare auf und ich war sicher, daß sie es war. Aber was machte sie ausgerechnet zu dieser Zeit an diesem Ort? Ich konnte es mir einfach nicht erklären. Sekundenbruchteile vergingen, in denen gar nichts geschah. Wir sahen uns an und wußten nicht, was wir sagen sollten. Plötzlich schien sie die Sprache wiedergefunden zu haben und rief mir laut zu, daß ich zu ihr kommen solle. Ich ging zu ihr und die Tür schlug hinter mir zu. Schon wieder war ich dem Schneesturm ausgesetzt aber das störte mich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr so sehr wie noch einige Minuten zuvor. „Komm mit.... schnell...“, rief sie mir entgegen. Sie deutete mir an, ihr zu folgen und lief in den Wald hinein. „Warte auf mich!“ rief ich ihr hinterher und mußte mich ziemlich beeilen, um sie noch einzuholen. Sie lief ziemlich schnell und ich hatte einige Mühe, ihr zu folgen. Ich sah sie genau an, während ich hinter ihr herlief. Ja, sie war es, da war ich mir ganz sicher. Ich konnte sie einfach nicht vergessen. Ich würde sie immer wiedererkennen, das wußte ich. Wir hatten uns vor Jahren aus den Augen verloren und seitdem nicht mehr gesehen.
Der Schneesturm war immer noch ziemlich stark. Sie lief aus dem Wald hinaus über das Feld, über das auch ich schon gegangen war. Ich wußte nicht, was sie wollte. Warum sie genau an diesem Ort war, konnte ich mir erst recht nicht erklären. Ich war ziemlich weit von zu Hause entfernt und für sie sollte das ebenso gelten. Warum sollten wir beide uns ausgerechnet an diesem seltsamen Ort wiedersehen? Ich wußte es nicht und dachte auch nicht weiter darüber nach.
Ich konnte sie im Schnee kaum noch erkennen, aber sie lief weiter und ich folgte ihr. Das Licht meiner Taschenlampe bewegte sich über das Feld, auf dem jetzt schon ein deutlicher weißer Schleier zu sehen war. Ich drehte mich noch einmal um und sah das Haus schemenhaft in der Ferne.
Als ich mich wieder umdrehte, erschrak ich zuerst aber erkannte dann, daß sie es war, die vor mir stand. Sie stand unter einem kleinen Unterstand, unter den auch ich mich stellte. Ich wunderte mich, daß sie plötzlich vor mir stand, obwohl sie doch weitergelaufen war, aber sie sagte nur „Jetzt ist alles in Ordnung.“ Ich fragte sie, warum sie denn dort gewesen sei, aber die antwortete nur „Du wirst es gleich verstehen..“ Als ich vor ihr stand und der Wind durch ihre langen Haare strich, wußte ich, daß ich sie noch immer liebte. Sie schien das zu spüren, denn sie lächelte mich an und küßte mich auf die Wange. Ich sah ihr tief in die Augen und nahm sie in meine Arme. Es stand für mich außer Zweifel, daß sie es wirklich war, wenn sie auch etwas Kälte ausstrahlte, aber das lag wohl eher an dem Schneesturm als an ihr, dachte ich. „Dreh' dich um...“ sagte sie zu mir, „...und sieh genau hin.“
Ich wußte nicht, was sie meinte und ging noch ein paar Meter vor. Ich leuchtete mit meiner Taschenlampe die Umgebung an, doch ich konnte nichts besonderes erkennen. Das Haus, in dem ich vorher gewesen war, konnte ich in der Entfernung noch erkennen, auch wenn es im Wald versteckt war.
Ich zuckte zusammen. Licht. Feuer. Eine Explosion. Das Haus stand in Flammen. Das Haus, in dem ich noch kurz zuvor am Kamin gestanden hatte. Ich verstand nichts mehr und drehte mich um, um die zu fragen, die soeben mein Leben gerettet hatte. Doch ich war alleine. Ganz alleine. Ich drehte mich um und rief nach ihr, aber ich erhielt keine Antwort. Ich leuchtete auf den Boden und sah etwas, das ich mir nicht erklären konnte. Ich sah Spuren im Schnee, aber nur meine eigenen Spuren. Ich leuchtete noch einmal dorthin, wo sie gestanden hatte, aber dort waren keine Spuren außer meinen zu erkennen. Auf dem Feld waren aber sicher noch ihre Spuren, war ich überzeugt, doch auch dort sah ich nur die Fußabdrücke einer Person, die von meinen Schuhen.
In der Ferne sah ich die Flammen, das Haus brannte vollständig aus. Es war zwar inmitten des Waldes, aber doch soweit von den Bäumen entfernt, daß diese nicht auch noch Opfer der Flammen wurden und einen Waldbrand ausgelöst hätten.
Das Haus war vollständig zerstört, die Flammen hatten es bis auf die Grundmauern vernichtet. Genauso plötzlich, wie das Haus explodiert war, verloschen auch die Flammen allmählich bis fast nichts mehr vom Haus übrig war.
Ich verstand es nicht. Zum Glück hatte der Schneesturm nachgelassen und ich konnte meinen Weg zu Fuß fortsetzen. Ich erreichte den Bahnhof noch pünktlich, um mit dem Zug nach Hause zu fahren.
Als ich am nächsten Morgen zu Hause die Zeitung aus dem Briefkasten holte, sah ich verwundert eine der Schlagzeilen mit dem Titel „Gasexplosion stellt Polizei vor Rätsel“. Es wurde keine Leiche gefunden und die genaue Ursache für die Explosion war noch unklar. Daß austretendes Gas der Auslöser war, war unumstritten. Warum es jedoch ausströmte und was genau zu der Explosion führte, konnte noch nicht ermittelt werden.
Das Haus sollte einer Frau aus meiner Stadt gehören, doch sie konnte noch nicht benachrichtigt werden, da sie spurlos verschwunden war. War sie es? Sie, die mir geholfen hatte?
Je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr schien sich meine Vermutung zu bestätigen. Ich wußte, daß sie lebte. Und ich spürte, daß ich sie liebte. Sie hatte mir das Leben gerettet und ich mußte sie finden und ich würde sie finden, davon war ich fest überzeugt. Irgendwann...

ENDE ?

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